Scheitern ist blöd! Oder: Wenn einem die Dinge über den Kopf wachsen

Letzte Woche habe ich im Newsletter dazu aufgerufen, mir eure Themenwünsche zu schicken. Erhalten habe ich daraufhin unter anderem eine sehr persönliche Mail zum Thema Haushalt & Scheitern.

Die Schreiberin hat darin ihre Verzweiflung beschrieben, dass sie sich seit Jahren mit der Hausarbeit überfordert fühlt. Es geht ihr ähnlich wie mir vor der Dinge-Diät: Neben dem Beruf und anderen Verpflichtungen kommt die Wohnung bei ihr ständig “zu kurz” und sie ist oft zu ausgelaugt, sich dann am Abend auch noch um den Haushalt zu kümmern. Mann und Kinder helfen so gut wie nicht, denn Hausarbeit ist ja traditionell Frauensache. Mittlerweile ist jedes Klingeln an der Wohnungstüre für sie ein Horror, denn sie fürchtet immer, es könnte jemand spontan zu Besuch kommen. Einladungen gibt es schon lange keine mehr zu sich nach Hause, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt, biegt sie die Verabredungen um ins Lokal oder schiebt eine Migräne vor und sagt kurzfristig ab. Wenn sie sich dann doch mal dem Chaos widmet, dann ackert sie bis zum Umfallen, ist anschließend total k.o. und trotzdem sieht sie keine Fortschritte (oder sie sind in ein paar Tagen wieder verschwunden). Durch die ganze Mail zieht das Gefühl, gescheitert zu sein: Sie habe schon viele Entrümpelungsratgeber durch und sei jetzt gerade bei der Dinge-Diät gelandet, aber eigentlich habe sie für sich schon aufgegeben. Die Mail endet damit, dass sie glaubt, ein hoffnungsloser Fall zu sein.

Ja, dieses Gefühl des Scheiterns ist blöd! Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Aber genau deshalb haben wir die Dinge-Diät ja “erfunden”. Es ging uns nämlich mehr oder weniger allen so. Und ich bin überzeugt davon, dass die meisten Entrümpelungsratgeber es zwar in der Theorie gut meinen, in der Praxis aber ungeeignet sind, weil sie so tun, als habe jeder beliebig viel Zeit und Lust, die Wohnung in Herkulesaktionen auf Vordermann zu bringen. Dass man das alles zwischen Job, Familie, Freizeitaktivitäten und sonstigen Verpflichtungen irgendwie unterbringen muss, davon ist meist nicht die Rede. Dass Hausarbeit und Aufräumen nicht unbedingt immer Spaß machen und oft mit negativen Gefühlen verbunden sind, wird gerne verschwiegen. Dass Kinder und andere Mitbewohner so eine Entrümpelungsaktion ziemlich effektiv zunichte machen können, hat jeder schon erlebt. Und dass das ganze Thema “auf die Frau des Hauses” abgeladen wird, ist eine in unserer Gesellschaft weit verbreitete Ungerechtigkeit.

Aber “scheitern” heißt auch, die eigenen Erwartungen nicht zu erfüllen. Wir erwarten zu viel von uns in zu kurzer Zeit. Und die ganzen Fotos in Zeitschriften, die uns perfekt aufgeräumte, antiseptische Zimmer zeigen, wo keinerlei Spielzeug, keine Staubfussel, keine benutzten Sachen, keine Prospekte und keine Post zu sehen sind und wo die Zeitschriften perfekt gefächert auf dem ansonsten leeren Tisch liegen, tragen dazu bei. Wohnt denn da keiner? Da sind ja die Musterräume bei Ikea belebter!

Wichtig ist also, die eigene Erwartungshaltung zu überprüfen.

Und das zweite Problem ist die Teufelsspirale, in die ich damals auch geraten bin: Ich nahm mir vor, wenigstens einen Tag freizuschaufeln, um richtig auszumisten. Oder besser ein ganzes Wochenende. Warum? Weil ich glaubte, es sei so viel zu tun, dass ich mit ein paar Minuten hier und ein paar Minuten da eh nichts ausrichten würde. Aber natürlich war dieses Entrümpelungswochenende nicht gerade etwas, auf das ich begeistert hinfieberte. Im Gegenteil: Ich war jedes Mal schon die ganze Woche vorher schlecht gelaunt, wenn es mal wieder so weit war. Und dann habe ich mich überarbeitet. Eine frustrierende Entscheidung nach der anderen getroffen, was wegzuwerfen sei und was nicht. Ich bin durch die Wohnung von Schlachtfeld zu Schlachtfeld gezogen, nicht als Feldherr Feldfrau, die einen Sieg zu erringen hatte, sondern wie der Totengräber, der die Leichen verlorener Schlachten einsammelte. Spätestens Samstagnachmittag um 4 war ich so angefressen, frustriert und gedemütigt, dass ich eh nichts mehr weiterbrachte, der Sonntag war nur eine einzige Qual. –– Und natürlich führte das dazu, dass die nächste Ausmistaktion noch länger auf sich warten ließ, mir noch schlechtere Laune machte … und die Ergebnisse sich tatsächlich anfühlten wie ein großes Scheitern auf ganzer Linie.

Aber das muss nicht sein! Die Idee bei der Dinge-Diät ist, dass man nicht ständig zwischen den Extremen pendelt, sondern eine Balance sucht. Jeden Tag 15 Minuten fürs Aufräumen ist besser als einmal alle drei Wochen ein Entrümpelungsmarathon. Vor allem aber verändert sich damit auch die Erwartungshaltung: Man muss nicht mehr die ganze Wohnung in Ordnung bringen, sondern einzelne, überschaubare Funktionsbereiche. Und statt einmal im Quartal auf einen großen Sieg zu hoffen (und meist doch enttäuscht zu werden), kann man jeden Tag einen kleinen Erfolg feiern. Jeder dieser Erfolge zeigt, dass man eben nicht scheitern muss. Und damit verbessert sich auch die Laune:

Dinge-Diät zu machen bedeutet nicht, dass man Spaß am Ausmisten und Ordnung halten finden muss. Es bedeutet aber, dass die notwendigen Handgriffe zur Routine werden und damit keine riesige, unangenehme Mammutaufgabe mehr sind, an die man sich nur einmal alle paar Monate herantraut.

Ein wichtiges Hilfsmittel sind dabei unsere Challenges, bei denen es darum geht 30 oder 90 Tage ein bestimmtes Verhalten oder einen Verzicht zu üben. Ein anderes die Zeitverzögerung z.B. durch die Kistenmethode. Oder auch das Ausgangskorb-Prinzip. Sie alle haben ein “Teile-und-Herrsche”-Modell zum Ziel, das es erlaubt, die Wohnung auch neben Job, Familie, Freizeit und mehr in einem Wohlfühl-Zustand zu halten. Und wohlfühlen heißt, dass man dort lebt, sich zurückzieht, neue Energie tankt. Es heißt nicht, dass die Wohnung perfekt sein muss und der Fotograf von “Schöner wohnen” jederzeit klingeln darf.

Teste es einfach mal aus: Nimm dir 3 Minuten, um die Fläche aufzuräumen, die dir am nächsten ist. Du hast diese 3 Minuten. Stell dir gerne den Timer deines Handys. Los geht es. Sammle alles zusammen, was eh Müll ist. Weg damit. Dann nimm die Sachen zur Seite, die hier gar nichts zu suchen haben. Bring sie zum Schluss dahin, wohin sie eigentlich gehören. Jetzt sortiere die restlichen Sachen und nimm die weg, die du nicht mehr brauchst oder die kaputt sind. Einmal kurz über die Fläche wischen, die verbliebenen Sachen sinnvoll (gruppiert!) zurückstellen. Fertig. Das waren 3 Minuten! Du hast ein sichtbares Ergebnis erzielt, eine klare Verbesserung.

Du siehst: Es muss nicht auf Niederlagen und Scheitern hinauslaufen! Feiere deinen Erfolg. Und wenn du morgen oder übermorgen hier nochmal drüber schaust, brauchst du nur noch 30 Sekunden, um die Ordnung – die Balance – zu halten. Das ist das Prinzip der Dinge-Diät.

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