Gastbeitrag: Dinge-Diät, Autopilot und alte Gewohnheiten

Inge ist noch immer im Krankenlager. Daher übernehme ich diese Woche noch einmal die Regie hier. 

brain photoSeien wir ehrlich: Niemand wacht auf und stellt fest, dass sich über Nacht der Kleiderschrank entschlossen hat, aus allen Nähten zu platzen, oder irgendwer Tonnen von Zeug in der Wohnung abgeladen hat. Auch in der Garage haben sich die Sachen nicht konspirativ zusammengerottet, um uns zu ärgern. Vielmehr sind es unsere Gewohnheiten, die über Jahre hinweg dazu geführt haben, dass unsere Wohnungen voller unnötigem Kram sind. Es ist unser Verhalten, unser Autopilot, der diese Situation so über Jahre hinweg geschaffen hat.

Einmal kräftig ausmisten – das scheint leicht. Wir haben sogar verschiedene Namen dafür: Frühjahrsputz, Großreinemachen, Ausmisten … oder ganz banal: “Sperrmüll”. Man ist es fast gewohnt, dass der Kram mal wieder überhand genommen hat und mal wieder ein Strich gezogen werden muss. Aber das “mal wieder” ist entlarvend. Damit bekämpft man eben nur die Symptome, nicht die Ursachen. Und nach kürzester Zeit sind die scheinbaren Erfolge dahin.

Bei der Dinge-Diät geht es darum, die Ursachen zu erforschen und dafür zu sorgen, dass kein Jojo-Effekt mehr auftritt. Das unterscheidet den “Frühjahrsputz” von der Diät.

Diät bedeutet, den eigenen Lebenswandel zu hinterfragen und etwas zu ändern. Bei der klassischen Diät bedeutet das meist eine Ernährungsumstellung und mehr Sport. Bei der Dinge-Diät (aber auch der Task-Diät) geht es um das Ablegen unvorteilhafter Gewohnheiten. Wir kaufen Dinge, die wir nicht benötigen, weil wir uns etwas “gönnen” wollen. Wir bewahren Sachen auf, die wir seit ewigen Zeiten nicht mehr genutzt haben (ja, die uns nicht mal gefallen), weil sie ja irgendwann nochmal gebraucht werden könnten. Wir stopfen unsere Terminkalender und unsere Schränke mit Kram voll, der uns wertvolle Lebenszeit raubt. Wir versäumen es, auf Effizienz und Ordnung zu achten – und der Berg der Aufgaben und Dinge, die unsere Aufmerksamkeit benötigen, wird immer größer. Und das passiert jeden Tag aufs Neue. Es sind Gewohnheiten und Routinen, die wir nicht hinterfragen. Kein Wunder, wenn wir dann irgendwann ausgelaugt sind, uns in der eigenen Haut und den eigenen Wänden nicht wohlfühlen.

Zugegeben: Es ist nicht leicht, alte Gewohnheiten abzulegen und durch neue zu ersetzen. Gewohnheiten sind Automatismen, sie laufen also von selbst ab. Wollen wir diese Automatik unterbinden, dann müssen wir Prozesse, die normalerweise im Unterbewusstsein ablaufen, bewusst machen und verändern. Das reicht aber nicht: Damit unser Gehirn die Umprogrammierung akzeptiert, muss sie ihm schmackhaft gemacht werden. Dazu müssen wir verstehen, wie wir “ticken”.

Nur: Wenn man einmal akzeptiert, dass der überflüssige Kram in unserem Leben und unseren Wohnungen nur die Manifestation dieser Gewohnheiten und Automatismen ist, dann wird auch klar, warum Inge und ihre Mitstreiterinnen an den Anfang der Dinge-Diät gesetzt haben: “Einmal Ausmisten ist nicht genug!” Der Frühjahrsputz darf nicht bei den Symptomen stehen bleiben, sondern muss die Ursachen adressieren – die aus dem Ruder gelaufenen Gewohnheiten und Automatismen!

Verstehen Sie mich nicht falsch: Prinzipiell sind Gewohnheiten gut für uns! Bei allem, was wir tun, versucht unser Gehirn eine Abwägung zwischen der eingesetzten Energie (dem “Aufwand”) und der erreichten Genauigkeit zu treffen. Das Ziel ist es, möglichst effizient durchs Leben zu kommen. Gewohnheiten sparen Zeit, weil ein einstudiertes Programm abläuft — ohne Nachdenken, ohne Zeitverlust, höchst effizient. Sie kämen morgens gar nicht aus dem Haus, wenn Sie nicht eine einstudierte Morgenroutine hätten: Jede Entscheidung, welchen Schritt Sie setzen, ob Sie erst ins Bad gehen oder erst die Kaffeemaschine einschalten (oder doch lieber einen Tee trinken … oder einen Saft), kostet Zeit und Energie. Würden Sie jede Entscheidung immer wieder in Zweifel ziehen, dann wären schon die ersten paar Stunden des Tages ein einziger Hindernislauf.

Denken Sie nur mal an den ersten Urlaubstag in einem fremden Hotel in einer fremden Stadt in einem Land, dessen Landessprache Sie nicht sprechen: Dann spüren Sie, wie es ist, die “freie Wahl” zu haben. Man fühlt sich überfordert, beim Frühstück weiß man nicht, ob man zur Eierspeise, dem Obstsalat oder der unbekannten Wurst greifen soll. Und dann? Wie verbringe ich den Tag, um das “Beste” aus dem Urlaub zu machen?

Oder fragen Sie sich mal, wie viele Wege es zu Ihrer Arbeitsstelle gibt. Vermutlich nutzen Sie immer den gleichen, vielleicht haben Sie je nach Witterung, Tageszeit und Verkehrsverhältnissen zwei oder drei verschiedene Optionen, die Sie nutzen. Aber es gäbe sehr viel mehr Möglichkeiten. Sie aber alle zu berücksichtigen, zu bewerten und zu vergleichen, wäre ineffizient und energieraubend.

Meist merken wir von alledem nichts. Aber nehmen Sie nur mal das Beispiel Geschirrspülen: Sie könnten jeden Teller fünfmal rumdrehen, um auch ganz sicher zu sein, alle Verschmutzungen zu erwischen. Sie könnten ihn per Hand trocken polieren, damit er glänzt und ja keine Wasserflecken zu sehen sind. Aber natürlich ist es effizienter, den Teller nur einmal zu wenden und dann zum Trocknen zur Seite zu stellen. Oder gleich eine Geschirrspülmaschine anzuschaffen. So sparen wir Zeit, auch wenn das Ergebnis vielleicht nicht ganz perfekt ist.

Ein anderes Beispiel: Wenn die Kids vom Sport nach Hause kommen, die Klamotten einfach fallen lassen und die Sporttasche nicht ausräumen, dann ist das erst einmal effizient – erst recht, wenn dann die Eltern eh (genervt) Ordnung schaffen. Faulheit spart also Energie. Nur kommen irgendwann die Eltern nicht mehr, um hinterher zu räumen. Aber unser Unterbewusstsein will weiterhin Energie sparen – so schaffen wir Präzedenzfälle und irgendwann sieht die Küche aus wie ein Saustall. Oder das Schlafzimmer. Oder die Couch und der Schreibtisch.

Und unser typisches Einkaufsverhalten? Wenn wir Sachen nach dem Kauf oder dem Gebrauch einfach irgendwo hin räumen, statt darüber nachzudenken, welchen Wert die Sachen überhaupt für uns haben und wie wir sie optimal in unser Leben integrieren, dann erscheint das so lange effizient, wie es Stauraum im Überfluss gibt.

In all diesen Fällen funktioniert unser Gehirn also wie es soll. Es bewahrt uns in einer konkreten Situation davor, unnötig Zeit und Energie zu verschwenden. Deshalb ist der Wocheneinkauf so gefährlich: Unser Gehirn schaltet auf Autopilot, sorgt dafür, dass wir schnell aus dem Laden wieder rauskommen und dass wir möglichst für alle Situationen vorgesorgt haben. Für das Autopilot-Gehirn ist es effektiver, etwas zu viel zu kaufen und später wegzuwerfen, als etwas zu vergessen und dann noch einmal in den Laden zurück zu müssen – erst recht, da wir in einer Überflussgesellschaft leben und die Ressourcen kaum beschränkt scheinen.

Ganz ähnlich verhält es sich mit scheinbaren Schnäppchen: Die günstige Gelegenheit kommt so schnell nicht wieder. Also jetzt schnell zuschlagen: minimaler Aufwand, maximales Ergebnis. Aber unser Autopilot beurteilt nur den Moment, er ist nicht darauf ausgelegt, eine langfristige Folgenabschätzung miteinzubeziehen. Unser Gehirn fragt also nicht, ob etwas langfristig eine gute Investition ist, ob wir später Zeit und Geld aufwenden müssen, um die Folgen dieser Entscheidung zu korrigieren. Im Grunde ist unser Autopilot ein Relikt aus der Urzeit. Damals half er uns, zu überleben.

Wie stark Ihr Autopilot Sie beeinflusst, können Sie mit einem einfachen Versuch selbst feststellen: Machen Sie den Wocheneinkauf nicht in dem Supermarkt, in den Sie sonst gehen, sondern in einem völlig fremden. Jetzt funktioniert der Autopilot nicht mehr, er findet sich nicht zurecht. Er kann also den Einkauf nicht mehr auf “Zeit sparen” optimieren. Alles dauert viel länger, weil Sie nicht wissen, wo sich die Produkte im Laden befinden und weil Sie dann auch noch die vorhandenen Angebote vergleichen müssen. Aber zugleich führt das dazu, dass der Einkauf viel genauer mit Ihrem Einkaufszettel übereinstimmt. Die Kaufentscheidungen werden rationaler, bewusster. Der Autopilot liegt auf Eis.

Gewohnheiten entstehen aus dem Versuch, unseren Tagesablauf so zu gestalten, dass wir die Zeit möglichst effizient nutzen. Deshalb essen Sie immer das Gleiche zum Frühstück, weil Sie dann nicht vorher nachdenken und eine schwierige Entscheidung treffen müssen. Deshalb schalten Sie am Abend gewohnheitsmäßig den Fernseher an, weil Sie sich so nicht aktiv entscheiden müssen, wie Sie Ihre Zeit verbringen wollen: Sie lassen sich berieseln. Und deshalb ist es so schwierig, “regelmäßig” Zeit für Sport zu finden, wenn Sie in den letzten 20 Jahren auch keinen Sport getrieben haben: Ihr Unterbewusstsein nutzt Gewohnheiten, um den typischen Tagesablauf effizient zu gestalten. Um neue Gewohnheiten zu etablieren, muss man die alten erkennen, den Autopiloten außer Kraft setzen und Zeit schaffen, damit sich die neue zu formende Gewohnheit überhaupt etablieren kann.

Bei dem Problem, dass unsere Wohnungen zugemüllt sind und wir immer wieder Fehlkäufe tätigen, die das Problem nur verstärken, kommt erschwerend hinzu, dass sich die Auswirkungen im Hinblick auf die Effizienz, die aufzuwendende Zeit, die entstehenden Kosten und schließlich die Lebensqualität erst viel später zeigen. Wir denken beim Kauf eines neuen Fernsehers vor allem darüber nach, welche neuen Möglichkeiten er uns eröffnet, wie viel besser Ton und Bild sind, wie praktisch das neue Gerät ist, vielleicht sogar, wie viel Strom wir damit im Vergleich zum alten Kasten sparen. Aber wir denken nicht darüber nach, dass wir den alten Kasten zusätzlich loswerden müssen (“Stell ich erst mal in den Keller …”), dass wir Zeit damit verlieren, das neue Gerät anzuschließen und einzurichten, dass wir es irgendwann auch wieder loswerden müssen und dass plötzlich die alten Anschlüsse vom Videorekorder nicht mehr passen. Noch weniger aber denken wir darüber nach, was das überzogene Konto, die Schlepperei des alten Kastens, der jetzt als Trümmer den halben Vorratskeller blockiert, die ungewohnte neue Fernbedienung usw. für unsere Lebensqualität bedeuten.

Wir müssen also aus der Routine ausbrechen, bei manchen Entscheidungen die langfristigen Folgen stärker bedenken.

Aber es ist gar nicht so einfach, alle möglichen Folgen einer Entscheidungen vorab abzuschätzen, stimmt’s? Ganz ehrlich: Es ist sogar völlig unmöglich! Denn es gibt immer Risiken, dass etwas komplett schiefgehen kann. Was, wenn der neue Fernseher defekt ist? Was, wenn der alte Fernseher beim Transport in den Keller nicht nur herunterfällt, in tausend Scherben zerbricht, dabei die Kellertreppe beschädigt und Sie sich zudem an den Scherben so sehr schneiden, dass Sie ins Krankenhaus müssen?

Zugegeben: Das ist extrem unwahrscheinlich. Das Gedankenspiel soll Ihnen nur klar machen, dass man nie alle Folgen abschätzen kann. Und wenn Sie zu viel über die möglichen Risiken in der Zukunft nachdenken, blockieren Sie sich selbst. Das ist ein typisches Phänomen der Dinge-Diät, wenn Sie sich nicht von etwas trennen wollen, das Sie seit Jahren nicht mehr gebraucht haben. Es könnte ja noch mal nützlich sein!

Unser Gehirn auf Autopilot basiert auf Erfahrungen und Routine (“Gewohnheiten”) und berücksichtigt nur die unmittelbaren Risiken. Welches Risiko ist damit verbunden, eine Packung Schinken mehr einzukaufen als unbedingt nötig? Welches Risiko ist damit verbunden, Tante Erna auf den Kopf zuzusagen, dass man ihre alten Mokkatassen nicht will und nie nutzen wird? Effizienz und Zeitersparnis statt radikaler Ehrlichkeit.

Das bedeutet aber auch, dass es schwierig ist, den Autopiloten neu zu programmieren und neue Gewohnheiten zu erlernen. Die Dinge-Diät verbindet fünf Elemente, die notwendig sind, um langfristig erfolgreich zu sein und die Motivation nicht zu verlieren:

  1. Erkenntnis
  2. Analyse
  3. Veränderung
  4. Kontrolle
  5. Wiederholung

Diese Elemente, in dieser Reihenfolge, sind wichtig, um wirklich etwas in Ihrem Leben zu ändern und nicht nur die Symptome zu bekämpfen, sondern die Ursachen anzugehen und den Autopiloten umzuprogrammieren. Ohne die Erkenntnis des IST-Zustandes und der Problembereiche kann sich nichts ändern. Aber ohne die Analyse, welches Verhalten zu diesem Zustand geführt hat und was dieses Verhalten verursacht, bleibt jede Veränderung nur an der Oberfläche. Den Zustand zu verändern ist dann auch langfristig nur erfolgreich, wenn wir nicht nur das Symptom (das Chaos im Kleiderschrank) verändern, sondern auch das Verhalten, das zu diesem Chaos geführt hat. Und das bedeutet, dass wir unseren Autopiloten in seine Schranken weisen und ihn neu programmieren müssen. Schließlich reicht es nicht, sich vorzunehmen, etwas zu verändern, sondern wir müssen kontrollieren, ob nicht doch die Routine und der Alltagstrott wieder die Kontrolle übernehmen. Und natürlich bedeutet das auch, dass wir den Prozess laufend wiederholen müssen.

Irgendwann geht er dann in Fleisch und Blut über, wird zur neuen Programmierung für den Autopiloten. Manchmal geht das verblüffend schnell und man fragt sich, wie man etwas früher anders gemacht hat. Manchmal dauert es eine Zeit und man muss Ausdauer beweisen. In dieser Zeit ist der Energiebedarf höher, der Prozess scheint ineffizienter. Es ist wichtig, am Ball zu bleiben und sich immer wieder vor Augen zu führen, dass man auf Dauer von den geänderten Gewohnheiten profitiert. Dann (und nur dann) übernimmt auch der Autopilot irgendwann die neue Programmierung.

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