Leserpost: “Nie gelernt, Balance zu halten”

Vor ein paar Tagen habe ich eine sehr persönliche Mail erhalten, die mich nachdenklich gemacht hat. Nach Rücksprache darf ich hier ein paar Auszüge posten unter dem Versprechen, keine Namen zu nennen:

Es fing eigentlich schon als Kind an: Ich habe immer alles bekommen, was ich wollte. Gut, manchmal musste ich ein wenig quengeln, aber Grenzen wurden eigentlich nie gesetzt. Im Gegenteil. In der Rückschau denke ich, meine Eltern haben sich durch das ganze Spielzeug und die Markenklamotten von ihrer Erziehungspflicht freigekauft. Und auch meine Großeltern haben mir und meiner Schwester immer alles erlaubt und zugesteckt mit so Worten wie: “Euch soll es besser gehen als uns damals … wird hatten nichts richtiges zum Spielen, als wir in eurem Alter waren.”

So bin ich irgendwie in die Wohlstands-/Konsumgesellschaft reingewachsen. Geld war immer da, das war nie ein Grund für echten Verzicht. Und so habe ich wohl nie gelernt, zu verzichten. Ich habe ja nicht mal gelernt, in unserer Wegwerfgesellschaft laufend Sachen wegzuwerfen, die ich nicht mehr brauchte. Studium, gut bezahlter Job, dann Heirat, Doppelverdiener … immer, wenn ich mir was gönnen wollte, habe ich es mir gegönnt. Und es sammelte sich immer mehr an. Ein oder zweimal im Jahr dann Sperrmüll und Caritas-Sammlung.

Ich dachte immer: Das ist alles ganz normal. Aber irgendwann fiel mir das alles auf den Kopf. Ich konnte nicht mehr, wollte nicht mehr. Ich wusste nicht, was ich suchte, aber es ging nicht mehr. Und was macht mal als gut situierte Frau in den besten Jahren in diesem Fall? Urlaub einreichen, Rucksack kaufen, Wanderschuhe kaufen, Bücher kaufen … und ein paar Wochen später war ich auf dem Jakobsweg. Schon auf der ersten Etappe merkte ich, dass mein Rucksack viel zu schwer war und ich viel zu viel dabei hatte. Ich habe andere “Pilger” beobachtet (ich sehe mich eher als Wanderin) und bald einen viel kleineren Rucksack gekauft und die meisten Sachen weggeworfen oder verschenkt. Plötzlich war das Wandern viel leichter … bis zum ersten großen Regen. Da merkte ich nämlich, dass ich jetzt keinen Regenschutz mehr hatte und auch der leichte Rucksack so seine Tücken hatte. Also ein neuer Rucksack, größer als der letzte aber kleiner als der erste, und wieder neue Sachen besorgt. 

Gott oder Erleuchtung habe ich auf dem Jakobsweg nicht gefunden. Aber eine Erkenntnis: Ich habe nie gelernt, eine gesunde Balance zu halten. Meine Eltern haben es mir nie beigebracht. Und es schien nie nötig. So pendelte ich immer zwischen Extremen, befand mich aber meist eher am oberen. Sperrmüll und Caritas zuhause, zu große Rucksäcke wegschmeißen und Sachen verschenken unterwegs. Und dann wieder Shopping bis zum nächsten Extrem. Aber genau das war es, was ich nicht mehr wollte.

Wieder zurück habe ich nach Literatur zum Thema gesucht. Aber die meisten Ratgeber tun so, als müsse man einfach mal kräftig ausmisten. Und dann die Bekenntnisse: “Ich habe gleich 30 Blusen weggegeben!” Super, gratuliere. Habe ich auch schon. Und dann in den nächsten Monaten 35 neue gekauft und geschenkt bekommen. Genau das wollte ich nicht mehr. Irgendwie habe ich dann “Dinge-Diät kompakt” in die Finger bekommen. Und da habe ich das erste Mal so richtig verstanden, warum es um die richtige Balance geht, was das eigentlich ist und dass es ein lebenslanger Prozess ist, diese Balance für sich zu finden und zu halten. Aber warum bringen uns unsere Eltern die Grundzüge dafür nicht bei? Warum lernt man solche Grundlagen nicht in der Schule? Unsere ganze Gesellschaft basiert nur auf einer Wachstumsidee – und jeder Einzelne ist der Leidtragende davon, das Konsum- und Wohlstandsopfer.

So weit der Auszug, die Mail ist noch wesentlich umfangreicher.

Vielleicht stimmt es wirklich, dass unsere Eltern und unsere Schulen versäumen, uns die Bedeutung von der richtigen Balance zu vermitteln. Aber unsere Eltern und Großeltern sind auch nicht in einer solchen Überflussgsellschaft großgeworden, wie sie sich uns darbietet. Sie wollten nur unser Bestes.

Letztlich ist es in der Verantwortung jedes Einzelnen, sein Leben zu gestalten. Ich finde das Beispiel mit den Rucksäcken sehr schön und lehrreich: Auch mit der Dinge-Diät findet man nicht sofort und automatisch die richtige Balance, sondern nähert sich an. Und manchmal verändert sich auch etwas und die Balance muss überdacht werden (Umzug in eine kleinere Wohnung, neuer, repräsentativer Job, Nachwuchs, Krankheit …). Das mit dem Prozess zu verstehen ist wichtig. Und sich nicht zu überfordern: Lieber kleine Schritte als das Pendeln zwischen Extremen …

Hat dir der Beitrag gefallen?
Wenn du meinen Newsletter abonnierst, erhältst du regelmäßig neue Tipps für deine eigene Dinge- und Task-Diät:

Ich stimme gemäß DSGVO der Übertragung meiner Anmeldedaten an MailChimp.com zur Newsletter-Verwaltung zu.